Tag 7: Krawalle und spanische Dachparty

Heute steht es auf dem Plan, mal das ultraorthodoxe Viertel „Me‘a Sche‘arim“ zu besuchen…
Hier leben wohl zu 100% orthodoxe Juden. Und dementsprechend streng geht es in diesem Viertel auch zu. Schon am Eingang des Viertels hängen Schilder, dass besichtigende Gruppen unerwünscht sind. Vorsicht gilt auch bei der Kleiderwahl, Männer sollten lange Hosen anhaben, für Frauen hingegen sind Hosen tabu.
So hörte ich Erzählungen von Menschen, die wegen der falschen Kleidung durch Steinwürfe aus dem Viertel vertrieben wurden.
Also mit Vorsicht und entsprechender Kleidung geht’s los, Erik, Omri und ich, die Kippa für den Ernstfall dabei :-)
Und tatsächlich ist es, als beträte mensch eine andere Welt.

orthodox 1

orthodox 2

Und als ob es nicht schon aufregend genug wäre, wirbelt es am Straßenende Staub auf und wütende Parolenrufe kommen uns näher. Also schnell die Kippa aufgesetzt, mensch will ja nicht unnötig provozieren… :-)
Und so zieht meine erste jüdisch-orthodoxe Demonstration an mir vorbei. Auf jeden Fall ein sehr beängstigendes Bild, wie mehrere hundert Ultra-Orthodoxe durch die Straße ziehen, Parolen rufen (das jiddische „Jewalt“ bedeutet wohl „Gewalt“; hier im Viertel wird zum Teil noch jiddisch gesprochen), Bauzäune hinter sich her zerren und brennende Barrikaden zurücklassen. Eigentlich kein unbekanntes Bild, aber in Kombination mit dem äußeren Erscheinungsbild der Ultra-Orthodoxen, den Trachten, Hüten und Schläfenlocken – etwas seltsam.

krawall 1

krawall 2

krawall 3

krawall 4

Kurze Zeit später erfahren wir auch, um was es ging: eine orthodoxe Frau wurde festgenommen, weil sie ihr Kind vernachlässigte, so dass es mit 3 Jahren nur 7 kg wiegt. Die Ultra-Orthodoxen hingegen halten die Frau für unschuldig. Mir scheint es so, als ob es ums Prinzip geht: die Ultra-Orthodoxen stehen außerhalb des weltlichen Gesetzes, der Staat Israel hat sich nicht in ihre Angelegenheiten einzumischen.

Hier noch ein von mir aufgenommenes Video der Demonstration:

Und hier ein Pressebericht mit mehr Hintergrundinfos zur Festnahme der Frau und den darauffolgenden Unruhen.

Des Abends soll laut Informationen von einem Freund eines Freundes eine vegetarische Barbecue-Party steigen. Als wir auf beschriebener Dachterrasse ankommen, werden wir sehr freundlich begrüßt, obwohl wir niemanden kennen. Auf dem Grill liegt zwar leider nur Fleisch, aber umso lustiger ist es, als wir bemerken, dass alle nur spanisch sprechen. So haben wir uns auf eine private spanisch-lateinamerikanische Dachparty verirrt. Doch die Leute sind sehr nett und beim Tanzen muss nicht gesprochen werden…

dachparty 1

dachparty 2