Tag 1: Goodbye Deutschland!

Hui, es ist soweit. Dank dem Zug-zum-Flug-Ticket darf es ein ICE sein, lang lang ist’s her. Madlenchen schafft mich zum Bahnhof, so lang sind wir selten getrennt, aber es wird uns gut tun ;-)
Wie zum Abschied von Deutschland sitzt ein ganzes Zugabteil voll Nazihools, da werde ich in Israel wohl lange suchen müssen.
Nachdem ich im vollgestopften Zug endlich einen freien Platz gefunden hab, tritt ein verspießt wirkendes Ehepaar an mich ran: unfreundlich werde ich dazu aufgefordert, mir einen anderen Platz zu suchen, da sie ja eine Sitzplatzreservierung hätten. Aha, sowas gibt es also auch in der 2. Klasse… Auf dem Vierer wäre zwar noch genug Platz gewesen (oder gibt es Doppelreservierungen?), doch bevor ich mir 5 Stunden lang deren Gelaber anhör zieh ich doch lieber die erneute Sitzplatzsuche vor.
Mit Hochgeschwindigkeit geht’s von Leipzig nach München. Von dort mit der S-Bahn zum Flughafen. Hier ist es nicht so leicht, die richtige Halle zu finden, vor allem, wenn mensch nach Israel will. Für Israel gibt es eine separate Halle, die nur durch kilometerlange Rollbandfahrten zu erreichen ist. Auch die Sicherheitsvorkehrungen sind hier um einiges strenger.
Bei der Passkontrolle wird ein Israeli gleich mal mit auf die Wache genommen, weil er seit mehreren Jahren durch Europa reiste, aber nur 3 Monate zulässig gewesen wären. Welt ohne Grenzen und Nationen – (leider) eine Utopie.
Nach mehrstündigem Warten, mein Buch für unterwegs, „Der Hohe Rabbi Löw und sein Golem“, eine Prager jüdische Geschichte, schon halb durchgelesen, geht das Boarding los und schon sitz ich im Flugzeug. Neben mir ein älteres, jüdisches Ehepaar, welches die meiste Zeit des Fluges schlafen wird. Ich am Fenster!
Ich hatte wohl vergessen, wie geil fliegen ist (liegt ja auch schon 10 Jahre zurück)! Der mächtige Start, bei dem der Körper in den Sitz gedrückt wird, das Abheben, Krabbeln im Bauch, die Kurve… hammer! Natürlich nicht zu vergessen der unvergleichbare Blick!

Gegen Mitternacht komm ich in Tel Aviv an. Aus dem Flugzeug raus, Rolltreppe hoch, und schon die erste Passkontrolle durch einen Securitymenschen. „Woher, wohin, zu wem, was macht er, wie lang, wohin nochmal?“ Da ich der einzige aus dem Flugzeug zu sein schein, der schon vor der eigentlichen Passkontrolle kontrolliert wird, darf ich mich ganz hinten anstellen. Dort nochmal die gleichen Fragen. Doch letztendlich kann ich die Fragerin zufrieden stellen, was durchaus nicht normal ist! Bei einer Volontärin und Freundin von Cousin Erik hat ihr arabischer Name gereicht, um sie an der Einreise zu hindern, so dass sie zunächst noch ein Visum beantragen musste.

Flughafen Tel Aviv
Flughafen Tel Aviv

Ich trete aus der Flugzeughalle raus und neben mir steht ein Soldat mit Sturmgewehr. Daran werde ich mich wohl gewöhnen müssen…
Zu meinem Glück begrüßt mich in der Eingangshalle Samuel, ebenfalls Volontär im Hospiz, welcher zufällig gerade seine Familie vom Flughafen abholt. So kann ich mich ihnen anschließen und gemeinsam fahren wir mit einem Sherut nach Jerusalem. Sherut sind Kleinbusse, die zwischen den israelischen großen Städten verkehren. Der Bus wartet, bis er voll ist (bis zu 7 Leute), so dass sich die Leute den Festpreis teilen – und das zu nahezu jeder Uhrzeit.
In Jerusalem werde ich am Westgate raus gelassen. Natürlich komplett orientierungslos. Also ruf ich erst mal Erik an (später stellt sicher heraus, dass 5 Minuten 15 € gekostet haben), der mich nach einer Weile abholt. Bis dahin bestaune ich die vielen rumlaufenden orthodoxen Juden in ihrer typischen Kleidung, bin ich in Deutschland doch noch nie einem begegnet.

Jerusalem
In Jerusalem angekommen

Zwar ist es schon 2 Uhr und ich bin schon lang unterwegs, doch spüre ich, wahrscheinlich durch die Aufregung, noch keine Müdigkeit. Also geht’s zusammen mit Erik zu zwei Freunden in der Neustadt. Hier wird ein ouzoähnliches Getränk, genannt Arak, mit Pfefferminzblättern serviert. Beide Freunde sind offen schwul, was in den meisten anderen Ländern dieser Region wohl nicht möglich wäre. In anderen Ländern drohen Gefängnisstrafen, ja teilweise sogar die Todesstrafe.

Bei Freunden
Daniel – Gilad – Erik

Gegen 6 Uhr morgens schaffen wir es ins Bett. In einer Stunde beginnt Eriks Schicht. :-)